The Girls – Emma Cline

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The Girls von Emma Cline behandelt eines der großen Ereignisse der U.S. amerikanischen Geschichte: die Morde der Manson Family. Das Buch ist ein sprachliches Meisterwerk, gewährt verstörende Einblicke in die menschliche Seele: Faszination, Abgründe, Manipulation.

Ich habe einen spannenden Aufbau erwartet, eine mitreißende Geschichte, vor dessen Ende man sich fürchtet. Aber Cline hatte anderes im Sinn – dieses Buch ist nichts für zwischendurch.

Die Protagonistin Evie Boyd, eine 14-jährige, unauffällige Schülerin, ist ein Mädchen, mit dem man sich leicht identifizieren kann. Sie fällt in keiner Weise auf: durchschnittliches Leben, überschaubarer Freundeskreis, Eltern, die in der Scheidung stecken, die Suche nach sich selbst…. Jeder von uns könnte Evie sein. Normalerweise würde ich sagen, dass der Charakter zu eindimensional gestaltet ist, aber bei Evie scheint es pure – und gelungene – Absicht zu sein, denn für die Geschichte ist es wichtig, dass es jeder hätte sein können. Du oder ich oder deine nette Zimmernachbarin.

Evie sucht nach Vorbildern, orientiert sich äußerlich und im Verhalten an Mädchen, die sie bewundert. Sie ist unsichtbar, ein Mauerblümchen auf der Suche nach etwas Aufmerksamkeit. Als sie dann auf die wilde, selbstsichere Suzanne und ihre Freundinnen trifft mit ihren wüsten Kleidern und wilden Haaren, ist sie sofort gebannt. Sie sieht in ihnen etwas, was sie gern sein würde – Unabhängigkeit vom Werturteil anderer, Sicherheit in jedem Schritt, Sicherheit darin, zu wissen, wo ihr Platz ist. Auf der Ranch der ganzen Gruppe um Russell hängt sie sich an Suzanne. Auf ihre suchende Art projiziert sie etwas in sie hinein, das ihr Halt gibt – genauso wie in das Leben auf der Ranch, in die Gruppe. Sie will Suzanne gefallen, will ihr ähnlich sein, sie verstehen. Während in ihrem Zuhause ihre Mutter zu einer Fremden wird und es immer mehr Probleme mit ihr und ihrer besten Freundin gibt, wird sie dort offen empfangen. Sie glaubt, das zu bekommen, wonach sie gesucht hat – weil sie es glauben will. Weil Russell, der Anführer, will, dass sie es glaubt.

Ich konnte daran denken, wie Russell Helen geohrfeigt hatte, und es tauchte nur als kleine Störung im Hintergrund bestimmter Gedanken auf, als Erinnerung an Skepsis. Aber es gab stets Möglichkeiten, mir alles plausibel zu erklären.

Am nächsten Tag war ich zurück auf der Ranch.

Drogen, Sex, Psychospielchen – Russell ist der Magnet, der alles zusammenzuhalten scheint. Er hat ein Ziel und er ist clever und abgebrüht genug, um die Gruppe – überwiegend Mädchen auf der Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit – an sich zu binden. Cline zieht den Leser in seine Machtspielchen hinein, zeigt, wie er sie benutzt und manipuliert und wie Evie in seinen Bann gerät.

Es wird schnell klar, dass Evie sich der furchtbaren Dinge bewusst ist – sie wird in vielerlei Hinsicht benutzt, die Gruppe lebt im Dreck und kämpft ums Überleben – aber sie verdrängt die Zweifel immer wieder bewusst. Kaum etwas zu essen, überall Dreck, modrige Kleidung, der ständige Schleier von Drogen über allem – sie gibt sich gewollt der dunklen Faszination hin. Denn die andere Seite gibt ihr nicht das, wonach sie sich sehnt.

Das war das Seltsame – ich hasste meinen Vater nicht. Er hatte etwas gewollt. So wie ich Suzanne wollte. Oder meine Mutter Frank wollte. Man wollte etwas, und dagegen kam man nicht an, weil man nur sein eigenes Leben, nur sich selbst hatte, mit dem man aufwachte, und wie konnte man sich sagen, das, was man wollte, sei falsch?

Cline hat ein Talent dafür, den schmalen Grat zwischen Faszination an dieser Art Leben und den tiefen Abgründen darzustellen. Und das durch Evie, an deren Stelle jeder von uns sein könnte, so realistisch, dass man bald selbst nicht mehr weiß, ob man fasziniert oder angewidert sein sollte.

Man beobachtet jede Entscheidung, jedes Geschehen von außen, aber man hat schnell das Gefühl, dass alles plausibel ist, man für alles Verständnis aufbringt und wohl auch nicht anders handeln würde. Man kann nur zusehen, wie die Abgründe immer näher rücken. Es gibt einige Sex- und Gewaltszenen, die sicher nicht für sanfte Seelen sind. Nicht, weil detailreich beschrieben wird, was passiert oder weil es mit viel Gewalt geschieht, sondern weil Cline auf das Innere der Figuren fokussiert, darauf, wie mit psychischer Macht alles genommen werden kann und wie leicht der menschliche Wille und jedes Gefühl von richtig und falsch zu brechen ist. Selbst als Leser weiß man nicht, ob man es schlimm finden soll – es bleibt nur ein dumpfes Ziehen von Angewidertheit.

Irgendwann gegen Ende kommt dann der Punkt, an dem man feststellt, dass der Abgrund gar nicht näher rückt, sondern man schon längst hinuntergefallen ist. Man weiß nur nicht, wo alles endet.

Vielleicht hätte dieses Leben vor der Ranch gereicht.

Aber die Ranch bewies, dass man auf ungewöhnlicher Höhe leben konnte. Dass man an diesen kleinkarierten menschlichen Schwächen vorbei zu einer größeren Liebe vorstoßen konnte.

Die Geschichte plätschert lange Zeit einfach vor sich hin. Nach ca. 90% habe ich mich gefragt, ob es überhaupt ein großes Ende, einen Sinn hinter allem gibt. Oder ob der permanente Fall ins Nichts schon alles ist. So oder so – das Buch ist verstörend. Weil es einen glauben lässt, dass man mit genau derselben Faszination wie Evie bereitwillig in den Abgrund gesprungen wäre. Das Ende war für mich leider etwas enttäuschend. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Ende in dem Sinne ist, denn der große erwartete Knall blieb aus.

Clines Sprache ist außergewöhnlich. Ich kann die vielen negativen Rezensionen verstehen, die ihren Schreibstil überladen finden, aber ich denke, anders würde die Geschichte nicht funktionieren. Der Stil spiegelt genau das wieder, was in der Geschichte passiert: die Suche nach Bedeutung, nach etwas Höherem. In jedem Satz scheint eine unterschwellige Bedeutung zu stecken, die es zu finden gilt. Mir persönlich hat der Schreibstil an dem Buch am meisten gefallen – durch die fehlende Handlung und Spannung wird das Buch dadurch aber auch langatmig.

Meine Eltern waren nicht sehr liebevoll, und es überraschte mich, dass mich jemand jederzeit einfach anfassen konnte und das Geschenk seiner Hand so gedankenlos gab wie einen Kaugummi. Es war eine unerklärliche Wohltat. Ihr herber Atem an meinem Hals, während sie mein Haar nach einer Seite strich. Die Finger über meine Kopfhaut spazieren ließ und einen geraden Scheitel zog. Sogar die Pickel, die ich auf ihrem Kinn gesehen hatte, wirkten indirekt schön, wie die rosige Flamme, die ein inneres Übermaß sichtbar machte.

Was ich vermisst habe, aber viele andere Leser scheinbar gefunden haben, ist der Zeitsprung nach ’69. Die Geschichte hätte genauso gut heute spielen können – ich hätte den Unterschied nicht bemerkt. Dabei war es gerade die Hippiebewegung, der angedeutete Kult in der Beschreibung, der mich gepackt hat.

Ich würde dieses Buch NICHT empfehlen, wenn man auf der Suche nach einem spannenden Thriller ist, denn das will dieses Buch denke ich nicht sein. Es ist ein sprachliches Kunstwerk, das mit den Abgründen der menschlichen Seele spielt. Und das auf seine Art zeigt, wie schnell man dort hinunterfallen kann.

(Ich habe ein kostenloses Rezensionsexemplar im Austausch gegen eine ehrliche Rezension erhalten.)

Seiten: 352 (Hardcover)

ISBN: 978-3-446-25268-4

Verlag: Hanser Verlag (deutschsprachige Ausgabe, 2016)

Zur Autorin: Emma Cline

Buchcover: ©Hanser Verlag

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